Gestern Abend feierte „Carmen“ auf dem Braunschweiger Burgplatz Premiere. Bis zum 5. September steht George Bizets Oper auf dem Programm, noch sind Karten erhältlich. Wir waren bei der Burgplatz Open Air Premiere dabei – und waren enttäuscht. 

Bizets Oper zählt zu den großen Werken der Welt. Doch davon hat der Pariser nichts mehr mitbekommen. Die Premiere 1875 in Paris war misslungen, drei Monate später starb der Komponist.

In Carmen verbindet sich die wilde, ungezügelte Leidenschaft einer Zigeunerin mit dem unbändigem Freiheitswillen des maskulinen Abenteurers. Eine Mischung, die in bürgerlichen Gesellschaften wenig Respekt findet und nicht selten im Tod endet.

So hat Carmen alle Bühnen dieser Welt erobert. Allerdings nicht die von Philipp M. Krenn, seins Zeichens Regisseur am Staatstheater Braunschweig, sowie deren von Bühnenbildnerin Heike Vollmer und Kostümbildnerin Regine Standfuss. Die äußern sich im Programmheft, dass sie die klassische Inszenierung zu klischeehaft empfinden und verlagerten Sevilla kurzerhand in eine graue, triste Vorstadt einer deutschen Metropole.

Grau ist die Welt

Das Bühnenbild beim Burgplatz Open Air ist trist, grau und mit dem Charme eine Sperrmüllsammlung behaftet. Einer Grundidee, der die Kostüme nahtlos folgen.

Aus Bizets Soldaten wird ein Haufen undisiziplinierter Guerillakämpfer und die Arbeiterinnen der nahe gelegenen Zigarrenfabrik, gespielt vom Chor, sehen aus wie der wahr gewordene Traum einer klischeehaften Vorstellung subkultureller Strukturen. Ein Bild, das beim Publikum eher Fragen aufwirft und einen Einstieg in die Geschichte geradezu behindert. Und die billige Windjacken-Ausstattung des stolzen Toreadors Escamillos mag konsequent der Sicht von Regine Standfuß folgen. Doch den modernen Macho kann man so nicht wiedererkennen. Und die leidenschaftliche Zigeunerin Carmen scheint wie die kleine Schwester von Cindy aus Marzahn. Sich der zu nähern ist nahezu unmöglich.

Foto aus der Oper Carmen in Braunschweig
Carmen und ihr Geliebter Escamillo

Musikalisch erstklassig

Gänzlich anders die Arbeit des Orchesters unter der Leitung von Srba Dinić, der die schwierige Akustik kontrolliert und zarte Streicherklänge über den historischen Platz in  kraftvoll herausgeschrieene Jubelgesänge für den Torero übergehen lässt.

Jelena Kordić als Carmen und Ekaterina Kudryavtseva singen ihre Partituren technisch einwandfrei, oft jedoch, ohne die der Carmen und der Michaela eigenen leidenschaftlichen Emotionen nachhaltig zum Ausdruck bringen zu können. Kwonsoo Jeon als biederer Don José begeistert. Ihm gelingt es, seine Zerrissenheit konsequent zu entwickeln.

Manchmal ist weniger mehr

Der Regienansatz, Carmen zu ergründen und aus der klischeehaften Vorstellung herauszulösen, wirkt nicht wirklich überzeugend. An Carmen die Probleme der Sinti und Roma in Europa aufzuzeigen und aufzuarbeiten, scheitert, weil sich die Intention dem Betrachter nicht von allein erschließt. Weniger aktueller Bezug wäre dem Wunsch der Besucher sicherlich mehr entgegen gekommen.

Bis zur letzten Minute der rund dreistündigen Aufführung beleibt der Besucher, was er ist, passiver Beobachter einer Geschichte, die so viel Emotionen vermitteln könnte. Ein Deutschlehrer würde unter solch eine Arbeit schreiben, nett gemacht, aber leider Thema verfehlt.

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