Ende des 19. Jahrhunderts war Beienrode unter Bienenzüchtern und Imkern ein im Braunschweiger Land, ja schließlich in ganz Deutschland und angrenzenden Ländern, bekannter Ort. Über Anzeigen in Fachjournalen betrieb ein Mann namens Heinrich Thie in „Beyenrode b. Flechtorf“ neben der eigenen Bienenzucht einen Versandhandel mit Honiggläsern und Etiketten. „Meine Gläser mit elegantem Staniol-Kapsel-Verschluss sind das Beste und Gediegenste, was es in dieser Hinsicht gibt und stehen ohne Konkurrenz da“, pries er selbstbewusst seine Waren an. Heinrich Thie stammte aus Braunschweig, wo er am 18. August 1861 geboren wurde und sein Vater eine kleine Bierbrauerei besaß. Seine Eltern verstarben früh; der an einer Gehörerkrankung leidende Junge wuchs bei einem Onkel auf und wurde Landwirt.

Ein Erlebnis in seiner Soldatenzeit löste in ihm den Wunsch aus, Imker zu werden. Ein Kamerad hatte ihm ein grünes Heft mit der Aufschrift „Praktischer Wegweiser für Bienenzüchter“ hingelegt, von dem er zunächst gar nicht wusste, was er damit sollte. Er nahm es mehr oder weniger aus Langeweile zur Hand, las es mit zunehmender Begeisterung und bald schon stand für ihn fest: Ich möchte auch Imker werden! Seine ersten praktischen Erfahrungen sammelte er auf einer Wanderfahrt in die Heide, die von Gustav Dathe, einem der bekanntesten Bienenzüchter im 19. Jahrhundert in Deutschland, geleitet wurde. Mit dem während dieser Zeit erworbenen Wissen richtete er sich 1888 in Beienrode östlich des Dorfes, ungefähr an der Stelle der jetzigen Kläranlage am Weg zu Hattorf hin, seinen ersten Bienenstand ein, der mit seinen schon von Weitem her sichtbaren „Lüneburger Stülpern“ (Bienenkörbe) einen markanten Anblick bot.

Kein Imkereifachgeschäft

Bei seinen Besuchen von Imkerfachausstellungen stellte der rührige Mann schnell fest, dass es im Raum Braunschweig kein Imkereifachgeschäft gab. So beschloss er, zur Versorgung seiner Berufskollegen und der zahlreichen, insbesondere in gehobenen Kreisen sich etablierenden Hobbyimker eine Firma für die Herstellung und den Versand von Artikeln für den Imkereibedarf zu gründen.

Doch musste er nach einiger Zeit erkennen, dass das Betreiben einer größeren Firma und eines Versandhandels aufgrund der ungünstigen Verkehrsanbindung von Beienrode aus schwierig war und machte sich auf die Suche nach einem geeigneteren Standort. Seine Wahl fiel auf Wolfenbüttel, das eine gute Bahn- und Fernstraßenanbindung bot. Thie verlegte seine Firma am 1. April 1890 in die Stadt an der Oker, wo sich sein geschäftlicher Aufstieg weiter fortsetzte. Er ging 1905 eine Teilhaberschaft mit Rudolf Dathe ein, dem Sohn des erwähnten Gustav Dathe aus Eystrup (bei Nienburg), die bis zu dessen Tod 1915 bestand. Das Unternehmen vergrößerte sich weiter, neue Betriebszweige kamen hinzu und 1910/11 wurde ein neues modernes Firmengebäude Ecke Auguststraße/Campestraße (heute Dr.-Heinrich-Jasper-Straße 4) eingerichtet.

1913 übernahm Thie die Herausgabe der zu dieser Zeit kriselnden Fachzeitschrift „Praktischer Wegweiser für Bienenzüchter“. , die dem Austausch von Fachwissen in der Imkerwelt und der Ankündigung und Bekanntmachung neuer Gerätschaften und Hilfsmittel für die Bienenzucht diente.

„Lehrbuchs der Bienenzucht“

Nach dem Tod (1918) seiner Frau Dora, geb. Blume, ging Heinrich Thie eine zweite Ehe ein mit Meta, geb. Busch. Er adoptierte deren Sohn Gerhard, der sich schnell in die Belange der Firma eingearbeitet hatte und seinem Stiefvater ein guter Mitarbeiter wurde. Thie konnte sich nun der Überarbeitung des „Lehrbuchs der Bienenzucht“ von Gustav Dathe widmen. das 1924 unter dem Titel „Heinrich Thie´s Handbuch des praktischen Wissens für Bienenzüchter“ erscheinen sollte. Doch ein tragisches Unglück setzte seinem schaffensfrohen Leben ein jähes Ende: Am 15. Juni 1924 verunglückte Heinrich Thie in der Nähe von Semmenstedt bei einem Autounfall. Bei dem Versuch seines Chauffeurs, einem plötzlich ausscherenden Radfahrer auszuweichen, war das Auto ins Schleudern geraten, von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Thie, der aus dem Auto herausgeschleudert wurde, war sofort tot.

Martina und Hans-Dieter Graf

für die Dorfgemeinschaft Beienrode e.V.

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