Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig konnte die Gunst der Stunde am 21. Spieltag nicht nutzen und kassierte in der zehnten Auswärtspartie die siebte Niederlage. Das 0:2 beim neuen Tabellenzweiten VfL Bochum zwingt die Niedersachsen in die unangenehme Situation, aus den nächsten drei Spielen gegen Regensburg, Nürnberg und Sandhausen mindestens sieben Punkte holen zu müssen, um den Anschluss zum rettenden Ufer nicht vorzeitig aus den Augen zu verlieren. Dabei hatten die Löwen auch in Bochum die Chance, mehr mitzunehmen. Doch in der entscheidenden Phase ließ die Eintracht zwei 100-prozentige Chancen liegen.

Eintracht-Coach Daniel Meyer wusste bereits vor dem Spiel, dass sein Team neben dem FC Schalke die einzige Mannschaft im bezahlten Fußball ist, die auswärts noch keinen Sieg eingefahren hat. Motiviert, daran etwas zu ändern, war er offensichtlich nicht. Offensichtlich war die Marschroute, wenn es geht einen Zähler mitzunehmen.

In der 4er-Abwehrkette spielten innen die Neuzugänge Diakhité und Behrendt, auf rechts Wiebe, links Klaß. Davor platzierte Meyer erstmals Nikolaou als 6er. Im Mittelfeld Kammerbauer, Ben Balla, Bär und Kaufmann. Neuzugang Ji kam die Aufgabe zu, als hängender 9er Tore zu erzielen. Proschwitz musste dafür auf die Bank, wo ihm Kobylanski Gesellschaft leistete.

Gefruchtet hat die Umstellung leider nicht. Wie schon in den vergangenen Partien, bewiesen die Löwen in der Defensive Stellungsfehler und fehlende Übersicht. Bereits zum elften Mal kassierte die Eintracht in den ersten fünfzehn Minuten ein Gegentor. Der beste Mann des Spiels, Zulj, platzierte eine Ecke perfekt für seinen Innenverteidiger Bella-Kotchap, der kaum Mühe hatte, den Ball ins Tor zu köpfen. Was seinen Grund vor allem darin zu suchen hatte, dass sein Gegenspieler Behrendt die Situation schlicht falsch einschätzte.

Damit war der Braunschweiger Matchplan mal wieder Makulatur. Und wie so oft, waren die Löwen auch nicht in der Lage, jetzt trotzig dagegen zu halten. Bemüht waren sie allemal, keine Frage, aber was dabei unter dem Strich herausgekommen ist, reicht für die Zweitligazugehörigkeit nicht aus.

Chancen nicht genutzt

Mitte der ersten Halbzeit bekamen die Gäste dennoch Oberwasser. VfL-Stürmer Zoller foulte Bär im eigenen Strafraum – Elfmeter (24. Spielminute). Selbstbewusst nahm sich Ji den Ball, um den 2. Liga-Elfmeterkiller schlechthin, Riemann, zu bezwingen. Schade nur, dass dem Willen kein Können folgte. Jis schwachen Schuss hätte Riemann wahrscheinlich noch mit verbundenen Augen gehalten. Wer solche Chancen nicht zu nutzen weiß, der darf sich hinterher nicht beklagen.

Nur drei Minuten später (27.) die zweite 100-prozentige. Torwart Riemann trifft einen Rückpass nicht korrekt und bedient so ungewollt Bär. Der hätte den Ball ins leere Tor befördern müssen, doch seine „Bogenlampe“ landete nur auf dem Netz. Im Grunde war das bereits die Entscheidung. Denn sonst hatte die Löwen-Offensive wenig bis nichts zu bieten.

Anders die Gastgeber. Angetrieben von Zulj kontrollierte der VfL das Spiel und wenn sich die Chance bot, dann wurde konsequent der Weg zum Tor eingeschlagen. Schnörkellos und blitzschnell. Zu schnell für die Gäste. In der 32. Minute spitzelte Zulj den Ball steil für Soares, der Fejzic keine Chance ließ.

Bochum kontrollierte Spiel und Gegner

Mit dem 2:0 für Bochum ging es in die Kabinen. Der VfL hatte sich das Ergebnis verdient. Mehr Ballbesitz, mehr Druck und über weite Strecken die absolute Kontrolle über das Spiel. Genau so durfte man das auch erwarten. Bochum zählt nicht nur zu den zweikampfstärksten Teams der 2. Liga, auch die Defensive ist das Beste, was die Klasse aufzubieten hat.

Allerdings ist kein Gegner chancenlos, denn auch Bochum hat Phasen, in denen die Elf etwas apathisch wirkt. Doch man ist gut beraten, diese „Lücken“ dann auch eiskalt zu nutzen.

Wer nun glaubte, Daniel Meyer würde nach dem Seitenwechsel all-in gehen, wie die Pokerspieler zu sagen pflegen, wenn es gilt, alles zu riskieren, der sah sich getäuscht. Ohne Proschwitz, ohne Kobylanski, ohne Otto, ja, komplett ohne Wechsel ging es in den zweiten Durchgang.

Keine Chancen herausgespielt

Und? Nichts passierte! Statt wütender Braunschweiger Angriffe, hilflose Bemühungen ohne Ergebnis. Wenn es um Chancen ging, dann nur um welche für den Gastgeber. In der 52. Minute leitete Losilla den Ball per Hacke zu Zulj, der das Tor aber verfehlte. Zwei Minuten später erneut der Österreicher, dessen Schuss aber in letzter Sekunde zur Ecke abgewehrt werden konnte. In der 56. Minute verfehlte Bockhorn per Kopf das Braunschweiger Tor.  Von der Eintracht kaum noch etwas zu sehen.

In der 62. Minute hatte der EX-Braunschweiger Holtmann das 3:0 auf dem Fuß. Allein vor Fejzic schaffte er aber das Kunststück, den Ball über das Tor zu schießen. Glück für die Löwen. Das Highlight der zweiten Halbzeit aus Braunschweiger Sicht war die 64. Minute, als Bär versuchte, Keeper Riemann mit einem Schüsschen zu überwinden.

Und dann begann die Phase der Auswechselungen. Den Auftakt machte allerdings VfL-Coach Reis. Der schickte in der 66. Minute Ganvoula für Bockhorn auf das Feld. Einen Spieler, der in der vergangenen Saison 13 Tore für den VfL erzielt hatte.

Auswechselungen kamen zu spät

In der 73. Minute reagierte dann auch Meyer. Und das gleich dreifach. Proschwitz für Kaufmann, Schlüter für Klaß und Wydra für den möglicherweise angeschlagenen Diakhité. Man beachte – statt die Offensive zu stärken, wechselte Meyer quasi positionsgetreu. Das Notwendige holte er aber in der 77. Minute (!) nach. Kobylanski kam für Ben Balla und  Otto für Ji. Eine Maßnahme, die keine Zeit bekam zu reifen. Für den VfL Bochum alles andere als eine Herausforderung. Die brachten die Partie souverän zu Ende und schlossen mit den drei Punkten zum Tabellenführer Hamburger SV punktemäßig auf.

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Bei der Eintracht bleibt die Erkenntnis, dass die seit Saisonbeginn auftretenden Problem immer noch nicht behoben sind. Trotz der namhaften Nachverpflichtungen. Individuell sollte das Löwen-Rudel jetzt allemal Zweitliganiveau haben. Aber Daniel Meyer ist es (noch) nicht gelungen, den Individualisten diesen letzten Schliff, der ein Team zu einer verschworenen Gemeinschaft macht, zu verpassen. Hinzu kommt zweifelsohne, dass der Tabellenkeller nun einmal eine ganz besondere Wirkung zeigt.

Im Keller herrscht ein andere Klima

Was gelingt, wenn man oben steht, geht in die Hosen, wenn du es im Keller machst. Offensiv macht sich das gerade besonders bemerkbar. Proschwitz, Ji, Bär, Kaufmann, alles nette Kerle mit viel, viel Qualität. Doch von einem zwingenden Zusammenspiel, überraschenden Aktionen und gewonnenen Zweikämpfen ist zu wenig zu sehen. So sind Defensivreihen in der 2. Liga kaum zu überwinden. 19 magere Tore sind der eindrucksvolle Belegt dafür. Damit stellt Eintracht Braunschweig mittlerweile die schlechteste Offensive.

Auf den Außenpositionen sind die Löwen nach wie vor schwach besetzt. In der Defensive stehen Wiebe, Schlüter oder Klaß weder für schnelles Umschaltspiel noch für Tore, wie sie einst Kessel und Reichel immer wieder einzustreuen wussten. Offensiv fehlt es an Flankenqualität. Bär und Kaufmann haben hier definitiv Entwicklungspotenzial nach oben.

Ach ja, dann wäre da ja noch die Personalie Kobylanski. Auf die Fähigkeiten dieses Unterschiedsspielers im Abstiegskampf zu verzichten, ist mutig. Warum der Techniker derzeit nicht zur ersten Wahl gehört, wissen nur Meyer und Vollmann. Eine Position, die sich die Verantwortlichen aber vielleicht noch einmal überlegen sollte. Man möge sich einmal vorstellen, der „Koby“ wäre bei den beiden dicken Chancen in Bochum auf dem Platz gewesen. Doch ich höre sie schon, die Antwort darauf – hätte, hätte, Fahrrad-Kette.

Aber diese Art zu denken, oder Erwartungen zum Ausdruck zu bringen, gehört zum Fußball wie das Gerede mancher Fußball-Funktionäre. Mannschaften, die einen Aufstieg geschafft haben, dürfen und müssen davon ausgehen, dass die Fans den Klassenerhalt erwarten. Was anderes sollte denn das Ziel sein? Wenn Trainer dann verwirrt sind ob solcher Erwartungen, dann stellt das nicht die Fans in ein schlechtes Licht, sondern nur er sich selbst.

Jetzt geht es um die Wurst

Noch schlagen die Wellen nicht hoch. Noch ist der Glaube an das gute Ende groß. Doch die nächsten drei Spiele sind schon von besonderer Bedeutung. Am kommenden Freitag (19.2.) kommt Jahn Regensburg, Tabellenelfter mit 26 Punkten, ins Eintracht-Stadion. Anpfiff ist um 18.30 Uhr. Da ist ein Dreier Pflicht.

Anschließend geht es zum 1. FC Nürnberg (So, 28.2. um 13.30 Uhr). Den Franken steht das Wasser ebenfalls bis zum Hals. Da muss man Teams, die hinter einem in der Tabelle stehen, auf Distanz halten. Erst recht in Heimspielen. Eine Woche später (So, 7.3., 13.30 Uhr) kommt der SV Sandhausen nach Braunschweig, eben jene Mannschaft, die aktuell nur einen Punkt mehr als die Niedersachsen aufweisen.

Die Eintracht muss liefern, das ist mal klar. Jetzt! Nicht irgendwann. Da darf man gespannt sein, wie Daniel Meyer diese Herausforderungen meistern will? Gelingt es nicht, dann dürften die Eintracht-Verantwortlichen mit noch ganz anderen Erwartungen konfrontiert werden als nur dem Klassenerhalt.

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