Es ist seit Jahren, genau genommen seit 19 Jahren, gute Tradition, dass sich einmal im Jahr die Jazzkantine beziehungsweise zwei Autoren zu Worte melden, die mit schrägen Ansichten der Stadt Braunschweig (mehr) Ansehen und Unterhaltung verleihen möchten. Ob Peter Schanz und Christian Eitner hehre Ansätze treiben, darf bezweifelt werden. Mit der gestrigen Premiere ihres neuen Werkes „Fluch der Oker“ sollte endgültig klargestellt sein, hier geht es nur um Unterhaltung. Was sonst?

Schrill soll es zugehen, schräg, bunt und laut. Lachen, Singen, Freude haben. Ein bisschen Alkohol, ein kleines Pfeiffchen und witzige Dialoge. Kritikerherz, was willst Du mehr? Das gab’s, das war’s!

Dennoch sei es und erlaubt, eine andere Perspektiv zumindest zum Nachdenken anzubieten. Fast scheint es, als wollten Eitner und Schanz am rauschhaften Ruhm des Bühnenerfolgs der ersten Jahre krampfhaft festhalten. „Ölper 12 Points“, „Unser Eintracht“ oder „Da Da Da“ waren wirklich herzerfrischend schräge Inszenierungen. „Der Fluch der Oker“ ist es nicht mehr.

Schwache Story

Da kommen die gut bekannten Charaktere daher und führen uns in eine Geschichte voller Emotionen, Dramatik und Happy End. Doch zu keinem Zeitpunkt gelingt es dem Ensemble, einen roten Faden zu spinnen, um die tragende Atmosphäre einer netten Geschichte aufzubauen.

Die knappen Story-Fragmente dienen eher als Intermezzo zwischen „Gassenhauern“ zum Mitsingen. Ob Steve Miller, Deep Purple, Lynyrd Skynyrd, AC/DC, Tom Waits, Roy Black oder Gerhard Winkler, der 1943 „Caprifischer“ komponierte, oder die Rolling Stones, sie alle müssen herhalten, um Agnes the Harp und Co im Rampenlicht erstrahlen zu lassen.

Foto einer Szene aus "Fluch der Oker"
Im Scheriff-Büro gibt Louie von Silent Radio den Ton an.                                                                        Foto: Rüdiger Knuth

Musikalisch ist der Okerfluch einmal mehr eine Angelegenheit vom Silent-Radio-Frontmann Louie, der dem Scheriff mit verbalem Charme und keckem Hüftschwung Kontur verleiht. Dazu gesellen sich mit Maike Jacobs und Arne Stephan zwei „alte Hasen“, die einen Besuch durchaus rechtfertigen. Wenn Mary von der Rosa und Captain Jack Wolf zum Duett „Perfect“ (von ed Sheeran) ansetzen, wird schnell deutlich, dies könnte der eine, der besondere Moment dieser knapp dreistündigen Inszenierung mit inkludierter Außenbestattung in der Pause werden.

Dass Gitarrist Tom Bennecke sowie die Blasikanten (wie Agnes zu sagen pflegt) Christian Winninghoff und Heiner Schmitz umfangreiche Kenntnisse des Musizierens besitzen, ist kein Fluch, sondern Segen an der Oker. Sie vor allem helfen über manch sinnentleerte Hürde hinweg.

Standing Ovations

Damit aber keine Missverständnisse entstehen, sei an dieser Stelle angemerkt, dass die kritische Betrachtungsweise der Arbeit des Autoren-Duos Eitner und Schanz nicht die Zustimmung der Premierenbesucher treffen dürfte. Die waren begeistert und feierten ihre Künstler mit Standing Ovations. Denn von „Sweet Home, Alabama“ bis „Born in the USA“  gab es ausreichend Stoff zum Mitsingen. Wenn aber erfolgreiche Geschäftsleute in kurzen Hosen auf der Haupttribüne Bob Marleys Klassiker „No woman, no cry“ lautstark intonieren, entbehrt das nicht einer gewissen Schamlosigkeit.

Der Song zeigt Bezüge zum ärmlichen Leben in den schwarzen Slums von Jamaika und dient eher den Unterdrückten dieser Welt denn einer Mitmach-Philosophie. Auch wenn der Song wohl nicht als Protestsong gedacht war, transportiert er politische Inhalte, die wenig geeignet sind, in einer klamaukhaften Inszenierung zur Bespaßung beizutragen.

Mitsingen

Es drängt sich ein Gefühl auf, dass Eitner und Schanz deutsche Eigenschaften pflegen und ökonomischen Erfolg vor Inhalt setzen. So wie einst in Kleingarten-Kantinen und Vereinsheimen soll Mitsingen und Schunkeln für kurze Momente vermitteln, wie schön das Leben sei. Das gelingt. Mehr will und soll es wohl auch nicht sein.

Das ist schade. So verpassen Eitner/Schanz die Möglichkeit, der Stadt und ihren Menschen statt dumber Klatschmomente eine moderne, innovative Facette zu vermitteln. Die einer kreativen Gesellschaft mit zwinkernden Auge und einer gehörigen Portion Selbstkritik.

2019 im Großen Haus des Staatstheaters

Wer weiß, vielleicht kommt das ja noch. Denn Eitner und Schanz machen weiter. Harfen-Agnes wird natürlich auch zur Weihnachtszeit in der Stadt weilen und für den Sommer 2019 haben sie sich, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Nach der Verarbeitung der 80er kommen jetzt die 90er dran – „Hyper! Hyper!“ heißt es ab 28. Juni 2019 im Großen Haus des Staatstheaters. Wir schätzen, mit Wolters und Eintracht und Cappuccino, Louie und Arne und Maike und Katrin und Nina. Schön, mal wieder unter uns sein zu können.