Kunst kann vieles. Ästhetisch sein, provozieren, in Frage stellen oder einfach nur da sein. Nur dahinter verborgen bleibt immer wieder die Frage, was aber ist Kunst? An der Suche nach Antworten haben sich schon viele beteiligt. Ein Ende der Suche ist nicht in Sicht. Die Frage, ob der Braunschweiger Lichtparcours den Anspruch Kunst erheben darf, ist rhetorischer Natur. Wenn man den Rednern vor über 130 Gästen bei der Finissage am vergangenen Wochenende vertraut. Die 15 Exponate sind Kunst. Waren Kunst. Denn jetzt sind sie wech.

Gut so, sage ich. Seit dem 13. Juni bin ich quasi tagtäglich auf meinem Arbeitsweg mit dem Fahrrad an diversen Exponaten vorbeigekommen. Mit einem davon, dem Abfallcontainer, habe ich bis zum bitteren Ende am 9. Oktober gekämpft. Aus allen Perspektiven, morgens, nachmittags, abends. Letztendlich die Ernüchterung. Für mich ist das keine Kunst und wird’s auch keine. Auch nicht retrospektiv.

Aber wenn Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse und sogar mein alter Schulfreund, Oberbürgermeister Ulrich Markurth, die Kunst erkannt haben, dann bleibt einzig und allein die Frage, was stimmt denn nicht mit mir? Warum erkenne ich sie nicht, die Kunst? Habe ich versagt, meine Eltern oder vielleicht die Lehrerinnen und Lehrer, die mich der Kunst hätten näher bringen sollen?

Und wenn es denn nur die eine Station gewesen wäre? Doch es waren mehr. An der Petri-Brücke zum Beispiel, wo wir mit unseren Gästen Claudia und Pit aus Gelsenkirchen Halt machten, rief die Stimme aus dem Ruhrpott, das sei ja wie Zuhause, wo in der Innenstadt eine Leuchtreklame nach der anderen verkünde, dass geöffnet sei oder es Döner gäbe. Ganz Gelsenkirchen ein permanenter Lichtparcours? Das muss Kunst sein!

Im Museumspark rauschten unsere Gäste mit dem Fahrrad an der Laterne im Wasser vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Hätte ich nicht laut gebrüllt, hier sei Kunst, wäre ihnen dieses Kunstwerk völlig entgangen.

Oder das umgekippte Ruderboot, dessen Licht schon frühzeitig erlosch und es so einsam, kalt und stumm auf der Oker schwamm,  um den 500.000 Besuchern der Ausstellung zumindest eine Frage zu hinterlassen – ist das Kunst oder kommt das hoffentlich bald wech?

Lichte Momente

Aber es gab auch lichte Momente. Im Univiertel, wo sich ein Ruderer unermüdlich abmühte, eine Hauswand rauf zu rudern, um doch immer wieder abzurutschen. Aber Kunst? Wäre es auch Kunst gewesen, wenn man ein Formel 1-Rennen auf diese Art übertragen hätte? Oder die bunten Neonleuchten unter einer Brücke im Bürgerpark. Im Dunkeln sah das nett aus. Ein Effekt, der vor allem von der Spiegelung lebte. Aber das ist Physik und keine Kunst.

Sicherlich haben Ausstellungen wie der Lichtparcours nicht den Anspruch, es allen Bürgerinnen und Bürgern recht zu machen. 500.000 Besucher sprechen allerdings eine deutliche Sprache. Und da wird dann auch für mich Kunst sichtbar. Wenn selbst was wech kann, die Menschen auf die Straße bringt, dann muss das Kunst sein. Etwas zu können, was nicht einmal ein zweitklassiger Fußballverein schafft – zu motivieren, zu mobilisieren, zum Diskurs anregen, Menschen zusammen zu bringen. In diesen Pandemie-Zeiten ist gerade das – große Kunst.

Vorfreude auf den nächsten Parcours

So gesehen, freue ich mich dann langsam auf den nächsten Lichtparcours. Vielleicht gelingt es den verantwortlichen Kuratoren dann, Kunst und wirkungsvolle Licht-Installationen differenter einzusetzen. Man könnte ja auch einmal die Kreativen in der Region fragen – es soll hier ja ein besonderes Cluster von Kreativität geben – ob sie nicht Brücken ins rechte Licht setzen wollen?  So etwas hat es ja schon 2002 gegeben, als die Modekette Sinn und Leffers ihre Filiale in Braunschweig eröffnete und gemeinsam mit einer Braunschweiger Werbeagentur eine Fahrt auf der Oker vom Theaterpark bis zum Löwenwall inszenierte und dabei auch Brücken kunstvoll und emotional mit Licht in Szene setzten.

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