Frisch aus der LesBAR

Serviert von Dieter R. Doden

Es ist kaum zu glauben, der Herbst steht schon fast wieder vor der Tür. Eine Zeit der Buchneuerscheinungen. In den Bestseller-Listen tauchen neue Werke auf, schaffen es oft bis ziemlich weit nach oben und stürzen dann schnell wieder ab. Manches Buch hält sich nur zwei oder drei Wochen unter den zehn besten Neuerscheinungen. Andere Titel wiederum tauchen plötzlich wieder auf oder halten sich monatelang in der Liste. Manchmal fragt man sich, warum? Was macht manche Bücher so toll, dass sie Riesenauflagen erreichen? Bei drei Werken wollen wir heute mal wieder sehen, was dahintersteckt. Also los:

„Der letzte Satz“ von Robert Seethaler

Buchtipp: Der letzte Satz

Der gebürtige Wiener ist ein Schriftsteller mit zahlreichen Auszeichnungen. Gern erinnert man sich an „Der Trafikant“ oder „Ein ganzes Leben“ – beides internationale Erfolge. Nun erschien „Der letzte Satz“. Ein interessantes Portrait der Künstlers Gustav Mahler. Dieser sitzt im Jahre 1910 an Bord eines Schiffes, das ihn von New York nach Europa bringen soll. Der Körper des berühmten Musikers schmerzt. Er kommt nicht zur Ruhe, denkt zurück an die vergangenen Jahre. Wie er selbst, gehen seine Gedanken auf Reisen. Abschiedsstimmung befällt ihn, Todesahnungen gewinnen Raum. Seethaler beschreibt knapp, mit einer Konzentration auf das Wesentliche, das Leben dieses Ausnahmekünstlers. Der Autor baut eine melancholische Stimmung auf, die nicht immer die Leserschaft treffen mag, aber irgendwie zur Herbststimmung passt. Ein großes Buch, wenn vielleicht auch nicht das Beste von Robert Seethaler. Dennoch von mir vier von fünf Sternen.

 

„Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink

Buchtipp: Abschiedsfarben

Dieser Schriftsteller ist ein Mann des Rechts – Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie. Der 1944 in Bielefeld geborene Bernhard Schlink spielt sozusagen in seinen Büchern mit dem hohen Rechtsanspruch. Das liest man beispielsweise in seinen Kriminalromanen. Privatdetektiv Gerhard Selb spiegelt das hervorragend wider. Schlink schuf den Weltbestseller „Der Vorleser“, der in 45 Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt wurde. In „Abschiedsfarben“ schreibt er eindrucksvoll über das Gelingen und Scheitern der Liebe, über Vertrauen, aber auch Verrat. Wieder kommt sein Rechtsbewusstsein durch. Wie gewohnt mit Feingefühl. Ein sehr nahegehendes Werk mit einer Geschichte, in der das Abschiednehmen einen breiten Raum einnimmt. Also noch ein typisches Herbstbuch. Und ebenfalls dafür von mir vier Sterne.

 

„Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl

Buchtipp: Das Kind in dir muss Heimat finden

Szenenwechsel. Weg von Romanen hin zu einem Ratgeber. Die Autorin dieses Werkes schreibt unter ihren Buchtitel: „Der Schlüssel zur Lösung (Fast) aller Probleme“. In der schier unendlichen Wüste psychologischer Ratgeber – oder solcher Publikationen, die sich dafür halten – ist dieses Werk ein weiteres. Mehr nicht. Die Diplom-Psychologin bemüht das „innere Kind“ in jedem Menschen, um Probleme zu lösen. Keine neue Methode. Zugegeben, sie beschreibt diese Methode des Helfens und Heilens leicht les- und kapierbar. Vielleicht liegt darin eine Gefahr? Weil betroffene Leser*innen mit kranker Seele meinen, zur Selbsthilfe greifen zu können. Ein Irrtum mit oft bösen Folgen. Jede Kollegin, jeder Kollege von Stefanie Stahl wird dies bestätigen. Für Leute, die psychologischen Rat brauchen, ist dieses Buch nicht zielführend, für Menschen, die diesbezüglich keine Unterstützung nötig haben, ist das Lesen verschenkte Zeit. Sorry, aber ein Stern ist da fast noch zu viel des Guten.

 

Womit wir wieder am Anfang dieser LesBAR-Ausgabe angekommen wären. In vielen Bestseller-Listen steht letztgenanntes Buch auf dem ersten Platz. Keine Ahnung, warum das so ist. – Wie auch immer, ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung beim Lesen, egal für welche Lektüre Sie sich entscheiden. Behalten Sie bitte Appetit auf interessante Bücher und auf den nächsten Cocktail an dieser Stelle oder in Ihrer Rundschau.

Herzlichst
Ihr Dieter R. Doden

 

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