Der Tabellendreizehnte tritt an beim Tabellensiebzehnten, das klingt nicht nach fußballerischer Hochkultur. Auch nicht in Liga 2. Aber – Eintracht Braunschweig empfängt den 1. FC Nürnberg, das klingt schon viel besser. Und genau das stand heute zum achten Mal auf dem Programm. Bislang gewannen die Löwen drei Partien, der FCN vier, einmal trennte man sich unentschieden. Beim letzten Zweitliga-Heimspiel der Eintracht (2017) hatte der Club mit 3:2 die Nase vorn. Diesmal drehten die Löwen den Spieß um und sicherten sich mit dem 3:2 drei wichtige Punkte gegen den Abstieg. Ein Sieg, der nicht nur glücklich war, sondern die Hilfe von Schiedsrichter Waschitzki brauchte. Der schenkte der Eintracht einen Elfmeter, den Proschwitz in der 93. Minute eiskalt nutzte. Eintracht Braunschweig ist – zumindest bis morgen Nachmittag – Tabellenzwölfter. Der FCN dagegen rutscht auf Platz 15 ab.

Zwei Bundesliga-Traditionsvereine, zwei ehemalige Deutsche Meister, zwei, die sich im Hinterstübchen eher in die 1. Liga wünschen. Doch für beide Teams hat sich noch nicht verdeutlicht, wohin der Weg führt. Nürnberg, mit einem Sieg, drei Unentschieden und 1 Niederlage, schielte im Grunde klar nach oben, hat, wie Eintracht Coach Meyer festgestellt hat, eine klare Idee und dürfte nicht nach Braunschweig gekommen sein, um sich mit einem Punkt zufrieden zu geben. Jetzt aber, nach der Partie, wird sich Sportmanager Hecking damit beschäftigen müssen, wie es gelingt, dass die Mannschaft eine Führung auch erfolgreich verteidigen kann.

Mal hui, mal pfui

Daniel Meyer hingegen hat längst erkannt, die Eintracht hängt halb im Keller und wird schwer haben, weiter nach oben zu gelangen. Für die Löwen gilt es, in jedem Spiel stets alles abrufen zu müssen, um bestehen zu können. Leider haben die Neuzugänge noch nicht die erhofften Leistungszuwächse erbracht. Mal wird es gut gehen, so wie gegen Bochum,  mal eher schlecht wie in Hannover und Regensburg. Dann manchmal mit Hilfe des Schiris wieder gut.

Vor allem die linke Seite hat Meyer als Schwachstelle erkannt. Hier durfte sich gegen Nürnberg Lasse Schlüter beweisen, der soviel schon vorweg, die Diskussion nicht beenden konnte. Ansonsten schickte der Löwen-Bändiger die gleiche Elf wie gegen Bochum ins Rennen.

Lasse Schlüter (r.) im Zweikampf mit Nürnbergs Robin Hack Foto: Susanne Hübner
Lasse Schlüter kam gegen Nürnberg zu seinem ersten Zweitligaeinsatz. Das Loch auf der linken Seite konnte er aber auch nicht stopfen.         Fotos: Susanne Hübner

Im Tor wieder der Ex-Nürnberger Dornebusch, Ziegele, Wydra und Nikolaou als zentrale Abwehrreihe. Wiebe, Ben Balla, Kroos und Schlüter stellen das Mittelfeld. Davor der offensiv ausgerichtete stürmende Denker und Lenker Kobylanski und vorn Kaufmann und Proschwitz.

Vorsichtiges Abtasten zum Auftakt

Es war zu erwarten, dass sich beide Mannschaften erst einmal mit Respekt begegnen würden. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass die bevorzugten Spielweisen für beide Kontrahenten Risiken beinhalteten, und beide Trainer sich gut kennen. Eintracht im Versuch, den Ball zu kontrollieren, Nürnberg auf schnelles Umschaltspiel bedacht. Das führt dann nicht selten zu Konzentration im Mittelfeld. So auch diesmal.

Nürnberg in der Spielanlage und dem individuellen Können den Gastgebern deutlich überlegen, Eintracht dafür lauf- und kampfstark. So ging es gut 20 Minuten hin und her, ohne dass der eine den anderen ernsthaft in Bedrängnis bringen konnte.

Als Proschwitz in der 21. Minute dann am Strafraum einen Ball zurückspielte zu Wiebe, dachte der spontan, halt ich doch mal drauf. Aus rund 25 Metern zog er humorlos ab. Wie an einer Schnur gezogen, krachte der Ball ins linke obere Eck. Erste Chance, erstes Tor. Im Spiel und für Wiebe auch.

So hatte sich das Nürnbergs Trainer Robert Klauß nicht gedacht. Jetzt musste seine Elf den Ball kontrollieren, um das Spiel zu machen. Und Eintracht durfte in Konterposition gehen. Diese Anforderung lösten die Gäste aus Franken nach wenigen Minuten der Besinnung dann deutlich besser als die Platzherren. In der 31. Minute steht Köpke mutterseelenallein auf der linken Braunschweiger Seite und hat keine Mühe, den Ball zum Ausgleich einzunetzen.

Schwere Abwehrfehler der Eintracht

Von den Braunschweiger Defensivspezialisten für die linken Seite war in dieser Situation nicht viel zu sehen. Nikolaou war gar nicht im Bild, Lasse Schlüter zu weit weg, um Schlimmes verhindern zu können. Jeder weitere Kommentar ist überflüssig.

Denn es sollte noch dicker kommen. Der agile und kaum zu bremsende Valentini nutzte auf seiner rechten – genau , das ist die linke der Löwen – Seite Zeit und Raum für einen genialen Pass. Sein Ball segelte gleich an vier Braunschweiger Spielern vorbei Richtung langes Eck, wo der heraneilende Köpke ohne Gegenwehr zum 2:1 einschieben durfte (42. Spielminute).

Zwei Gegentore, die belegen, warum die Eintracht eine der schwächsten Defensivabteilungen in Liga 2 hat. Zu unkonzentriert, zu langsam, zu nachlässig. So darf man sich nicht erwischen lassen. Das ist definitiv nicht zweitklassig.

Offensichtlich aber fand Trainer Meyer in der Kabine die richtigen Worte. Oder die Löwen wollten sich nicht noch einmal die Blöße geben, nicht im Bilde zu sein. Jedenfalls übernahm Blau-Gelb jetzt die Spielkontrolle. Zwar drückte der FCN nach Ecken und Freistößen die Braunschweiger immer wieder in deren Strafraum, aber die Löwen bekamen letztlich immer ein Bein dazwischen. Sie wirkten jetzt kampfstärker, engagierter und lauffreudiger als die Gäste.

Und unterschätzen darf man die Eintracht auch nicht. Denn manchmal geht es ratz fatz und der Ball geht rein. So wie in der 52. Minute. Wiebe spielte auf der rechten Seite steil auf Kobylanski. Der macht mit dem Ball, zwei, drei Schritte und zieht eiskalt und frech auf das kurze Eck ab – 2:2. Ein Treffer mit Wirkung.

Nürnberg baut ab

Denn mit zunehmender Spieldauer bauten die Gäste ab. Routinier Valentini nur noch gelegentlich in der Braunschweiger Hälfte und Köpke nicht mehr so effizient. Zwar traf der Sohn vom Ex-Nationaltorhüter noch einmal die Latte, aber schon hier fehlte den Versuchen die Präzision.

Eintracht nutzte das, kam aber auch nicht mehr zu großen Chancen. In der 65. köpfte Nikolaou an den Pfosten, aber der Schiedsrichter hatte vorher ein Foul des Abwehrspielers gesehen. Und in der 87. Minute hatte Schlüter perfekt aufgepasst und erkannt, dass Gästekeeper Mathenia zu weit vor seinem Tor stand. Leider aber verfehlte sein Distanzschuss  das Ziel um gut zwei Meter.

Beide Trainer versuchten über Auswechselungen, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden. Meyer brachte in der 71. Minute Bär für den eher blassen Kaufmann und in der 84. Kammerbauer für den gut aufgelegten Kobylanski. Nürnbergs Klauß wechselte insgesamt viermal, musste aber attestieren, dass sich sein Mannschaft offensichtlich sich in der ersten Halbzeit verausgabt hatte.

Schiedsrichter Waschitzki entscheidet Spiel

Im Grunde dürften beide Kader, Akteure wie Funktionäre, kurz vor Spielende mit der Punkteteilung zufrieden gewesen sein. Doch dann kam die 92. Spielminute. Eintracht hatte sich auf der linken Seite durchgespielt und Lasse Schlüter nutzte schlitzohrig ein unglückliches Spiel von Mühl, lies sich Fallen und musste auch nicht lange auf eine Reaktion warten. Schiedsrichter Waschitzki zeigte auf den Elfmeterpunkt. Heftige Proteste der Nürnberger folgten.

Ob der Schiri um eine Überprüfung bat, oder Video-Referee Dr. Kampka sich einschaltete, wissen wir nicht, jedenfalls wurde in Köln lange geprüft. Sehr lange. Mit dem Ergebnis, der Schiedsrichter möge sich die Szene doch selbst noch einmal anschauen. Was er tat. Einmal, zweimal, dreimal – er bleib dabei, Elfmeter. Eine fragwürdige Entscheidung, doch einem geschenkten Gaul schaut man natürlich nicht ins Maul. Proschwitz nahm sich den Ball, ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und schoss halbhoch, stramm in die linke Seite. Zwar hatte Keeper Mathenia die richtig geahnt, aber den perfekt platzierten Schuss konnte er nicht erreichen.

Nick Proschitz verwandelt einen Elfmeter zum 3:2
In der 93. Minute verwandelte Nick Proschwitz einen glücklichen Elfmeter zum 3:2-Erfolg über den 1. FC Nürnberg. Mühl soll Schlüter im Strafraum von den Beinen geholt haben.                                                                      Foto: Susanne Hübner

Noch aber standen vier Minuten Spielzeit auf der Uhr. Nürnberg warf jetzt hektisch und frustriert alles nach vorn, scheiterte aber an aufopferungsvoll kämpfenden Löwen, die sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen lassen wollten. Wenig später Riesenjubel bei den 2.788 Zuschauern. Der zweite Heimsieg war perfekt und mit jetzt sieben Punkten hat der Druck etwas nachgelassen. Sollte morgen Nachmittag Würzburg unter Trainer Marco Antwerpen gegen Bochum nicht punkten, dann beträgt der Abstand zum Tabellenletzten sechs Punkte. Immerhin!

Doch abschließend gilt es noch zu klären, was für ein Zweitligaspiel die Zuschauer gesehen haben. War es hochklassig? Nein! Dafür waren die hochklassigen Szenen, die es sehr wohl gab, zu wenig. Phasenweise zeigten die Löwen wunderschöne Ball-Staffetten. Da lief es kurzzeitig direkt und genau. Allerdings fehlte den Spielzügen die konsequente Zielorientierung.

Eintracht zu durchsichtig

Die langen Bälle hingegen sind längst kein probates Mittel mehr, um erfolgreich zu agieren. Jeder Gegner weiß das längst. Bisher ist es allen gelungen, die Stürmer Kaufmann und Proschwitz aus dem Spiel zu nehmen. Kaufmann bisher ein Treffer, Proschwitz zwei. Kleine Randnotiz: Simon Terodde in Hamburg hat bereits acht.

Ein ähnliches Bild malt das Braunschweiger Mittelfeld. Ben Balla nur gelegentlich genial, Kroos viel zu ruhig, Wiebes Sternstunden wie heute leider zu selten. Bleibt noch Lasse Schlüter auf links. In seinem ersten Zweitligaspiel war er noch etwas überfordert. Er und Nikolaou konnten das Loch links nicht wirklich stopfen. Großes Plus aber seine große Kunst zu fallen. Die brachte immerhin den Sieg.

In der Abwehr machte Robin Ziegele seine Sache in der 2. Halbzeit um Welten besser als im ersten Durchgang und dürfte so seine Position bestätigt haben. Wydra in der Mitte ist eh gesetzt und Dornebusch im Tor muss sich Kritik gefallen lassen. Gegen seine ehemaligen Mannschaftskameraden wirkte der 26-jährige Zerberus jedenfalls übermotiviert. Gleich zu Beginn drosch er zwei Abschläge ins Seitenaus. Und in zwei, drei Situation war er zögerlich beim Herauslaufen. Wirklich besser als Fejzic in Regensburg war er das nicht. Beim zweiten Nürnberger Treffer machte er zudem keine gute Figur.

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Spannend, aber keinesfalls hochklassig

Damit wird das Fazit zur Partie klar: Wir haben ein spannendes, durchschnittliches Zweitliga-Spiel mit einem glücklichen Sieg für den Aufsteiger gesehen. Eine Erkenntnis, dass jetzt alles besser ist, kann man (noch) nicht ziehen. Positiv macht sich aber die Rückkehr von Kammerbauer bemerkbar. Mit ihm könnte im Mittelfeld etwas mehr Souveränität einziehen. Vielleicht gerade rechtzeitig.

Im November warten drei Aufgaben, die es in sich haben

Denn die drei kommenden Partien richtige könnten Kellerduelle sein. Am Freitag (6.11. um 18.30 Uhr) müssen die Löwen beim SV Sandhausen antreten, die in Osnabrück kanpp verloren haben und jetzt punktgleich mit der Eintracht auf Platz 11 stehen. Dann kommt der Karlsruher SC (Sa, 21.11. um 13 Uhr) mit Torjäger und Ex-Löwe Hofmann. Der war in der vergangenen Saison mit 17 Toren bester KSC-Scorer. In der laufenden Saison traf er allerdings erst einmal. Am Freitag, den 27. November führt es Blau-Gelb zum ebenfalls abstiegsbedrohten Darmstädter SV, der allerdings morgen mit einem Sieg gegen Karlsruhe seine Lage spürbar verbessern kann.

Sicherlich ist es noch früh in der Saison und mit zwei Siegen in Folge kann man vom Abstiegs- zum Aufstiegskandidaten werden. Nürnbergs Trainer Klauß stellte denn korrekt fest, seine Mannschaft könne gegen alle gewinnen, aber auch gegen alle verlieren. Das grenzt fast schon an alte Matthäusche Weisheiten, stimmt aber. Was aber auch bedeutet, dass man mit zwei Niederlagen in Folge schnell wieder dort steht, wo das Zittern irgendwann Überhand gewinnt. Und ob die Eintracht da mit dieser unerfahrenen Mannschaft die besseren Nerven beweist, bleibt offen. Besser, sie kann sich aus der Zone fernhalten.

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